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Die Wiener Rettung


Anfänge

Die Gründung der Wiener Rettung folgte einem tragischen Anlass: Der verheerende Ringtheaterbrand am 8. Dezember 1881 kostete 386 Menschen das Leben. Schon am folgenden Morgen beschloss Jaromir Freiherr von Mundy, gemeinsam mit dem späteren Ehrenpräsidenten Johann Nepomuk Graf Wilczek und anderen namhaften Persönlichkeiten eine freiwillige Rettungsgesellschaft zu gründen. Kaiser Franz Josef I. segnete das Projekt nach einer Audienz mit der „alleruntertänigsten Bitte um Schutz und Protektion sowie um die huldvollste Beschleunigung der amtlichen Erlässe“ ab und bedachte die Gesellschaft mit Zuwendungen – Geldmittel und Pferde aus den k. u. k. Hofstallungen.

Die erste Rettungsstation öffnete am 1. Mai 1883 im 1. Bezirk am Fleischmarkt ihre Pforten, wenige Jahre später nahm eine weitere Station in der heutigen Bösendorferstraße ihren Dienst auf. Die Inanspruchnahme der Dienste war rasch steigend, sodass 1889 bereits eine neue Zentralstation am Stubenring mit 17 Pferdewagen in Betrieb gehen konnte. Allerdings brachten die Kosten für Anschaffungen und Betrieb die Gesellschaft in diesen Jahren in finanzielle Nöte: Ohne private Unterstützung, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Spenden-gelder wäre die drohende Auflösung des Vereins wohl unvermeidbar gewesen.

Der 1. Juli 1894 ist insofern ein bedeutsamer Tag, als er eine grundlegende Reform des Sanitätsdienstes einläutete (und die Wiener Rettung vielleicht auch bis heute so einzigartig macht): die Aufnahme von 10 fix besoldeten Inspektionsärzten, welche rund um die Uhr Bereitschaft hatten und sich bei jeder Intervention gemeinsam mit 2 Sanitätsgehilfen samt notwendigem Sanitätsmaterial an den Unfallort begaben. Im Jahr 1897 wurde die Rettungszentrale in der Radetzkystraße gegründet, welche 2001 nach einem Umbau neu eröffnet wurde.


Aufschwung und Kriegsjahre

In den folgenden Jahren wurden Filialstationen errichtet und die Pferdefuhrwerke durch Automobile ersetzt. Daneben förderte die „Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft“ statutengemäß die Entstehung von ähnlichen Einrichtungen in allen Teilen der Monarchie. Bemerkenswert sind auch zahlreiche Hilfsleistungen außerhalb Wiens bei Katastrophen, wie Überschwemmungen und Erdbeben. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür bietet die Hilfsaktion im süditalienischen Messina, das bei einem Beben im Dezember 1908 fast völlig zerstört wurde. Wenige Jahre später sah sich die Gesellschaft in eine große Kriegshilfsaktion eingebunden: Ein eigener Spitalszug, ausgerüstet mit mehr als 100 Betten, holte Verwundete vom Schlachtfeld nach Hause.

Das Jahr 1938 war gezeichnet vom Rassenwahn mit der konsekutiven Entlassung des Chefarztes und einer Reihe von Mitarbeitern, der Angliederung der städtischen Sanität an den Rettungsdienst und dem Ende der Freiwilligkeit. Die Betriebsführung wurde zunächst der magistratischen Feuerwehr und später dem Gesundheitsamt der Stadt Wien übergeben.


Folgejahre

Mit Hilfe der Alliierten und des Internationalen Roten Kreuzes konnte die Wiederaufbauarbeit mehr oder weniger rasch bewältigt werden. Der nunmehrige „Wiener Städtische Rettungs- und Krankentransportdienst“ blieb in der Folge fast 50 Jahre dem Anstaltenamt (MA 17) zugeordnet. In den 1950er Jahren erfolgte die erste Modernisierungswelle: Ausstattung der Fahrzeuge mit Folgetonhorn und zentrale Lenkung aller Einsatzfahrzeuge mit Sprechfunk über die Leitstelle in der Rettungszentrale. Das Jahr 1965 brachte mit dem Landesrettungsgesetz eine neue Revolution: Die Rettung wurde demnach verpflichtet, auch Patienten zu versorgen, die „in ihrer Unterkunft wegen unmittelbarer Lebensgefahr sofortiger ärztlicher Hilfe bedürfen, die anders nicht gewährleistet ist“ [2] – bis dahin war die Tätigkeit fast ausschließlich auf die Straße und öffentliche Orte beschränkt gewesen. Wenige Jahre später ein weiterer Meilenstein: Ausstattung der arztbesetzten Fahrzeuge mit den ersten tragbaren Defibrillatoren, sodass einer solchen fahrbaren „Ambulanz“ nun alle Mittel zur Diagnose und Behandlung von lebensbedrohlichen Störungen der Vitalfunktionen zur Verfügung standen.

1977 schließlich konnten die bis dahin im Rettungswesen in Wien tätigen befreundeten Organisationen Rotes Kreuz, Arbeitersamariterbund, Johanniter Unfallhilfe und Malteser Hilfsdienst gemeinsam mit dem Wiener Rettungs- und Krankenbeförderungsdienst zu einem Rettungsverbund zusammengeschlossen werden: Die Anforderung eines Rettungsmittels erfolgt nunmehr unter der einheitlichen Notrufnummer 144 – das nächstgelegene Fahrzeug wird sodann von einer einzigen Leitstelle disponiert.


Moderne Notfallmedizin

Die neueren Entwicklungen in der gesamten Heilkunde machten auch vor der Notfallmedizin nicht Halt. Zahlreiche Veränderungsprozesse verlangten und verlangen immer noch ein hohes Maß an Energie von allen Beteiligten. Einzelne Aufgabengebiete sind in der Folge aufgelistet.

  • Notarztdiplom: Ausbildung aller im Rettungsdienst tätigen Ärzte zum „Notarzt“ nach § 40 Ärztegesetz, wobei das erlangte Diplom alle 2 Jahre im Rahmen einer 2tägigen Veranstaltung rezertifiziert werden muss.
  • Einführung des 4stufigen Patientenversorgungssystems, das je nach Priorität der Anforderung verschiedene Alarmstufen vorsieht: Anforderung bzw. Entsenden von Praktischem Arzt (bzw. Ärztefunkdienst, Stufe 1) – Krankentransport (Stufe 2) – Rettungswagen (Stufe 3) – Notarzt (höchste Priorität, Stufe 4).
  • Installierung eines neuen Bettenverteilungssystems, das bei Einweisung eines Patienten durch den Hausarzt den Umweg zur Polizei (!) nunmehr überflüssig macht: Die Bettenzentrale ist in unsere Leitstelle integriert, hat einen direkten Draht in die Spitäler, welche täglich ein gewisses Bettenkontingent zur Verfügung stellen, und steht auch mit dem Krankenanstaltenverbund (Spitalsträger) in Verbindung. Intensivierung der Kontakte zur Polizei und Feuerwehr, Entwicklung von gemeinsamen Konzepten zur Einsatzabwicklung in besonderen oder schwierigen Situationen.
  • Ausstattung aller im Dienst befindlichen Fahrzeuge mit modernen Beatmungsgeräten und manuellen bzw. halbautomatischen Defibrillatoren.
  • Errichtung neuer Stationen und einer Zentralwerkstätte für den Fuhrpark von ca. 100 Fahrzeugen; Einführung des Rendezvous-Systems mit Notarzteinsatzfahrzeugen. Hierbei trifft der Notarzt im PKW mit einem Rettungswagen am Notfallort zusammen und ist in vielen Fällen gleich wieder frei – der Spitalstransport kann oftmals ohne notärztliche Begleitung durchgeführt werden.
  • 1991 Abkoppelung der Wiener Rettung vom Anstaltenamt und Deklaration zur eigenständigen „neuen“ Magistratsabteilung 70.
  • In diesem Jahr erfolgte auch die Realisierung eines Konzeptes zur Bewältigung von Großschadensereignissen durch die Installierung des „K- (Katastrophen-) Zuges“, welcher dank neuer logistischer Erkenntnisse und der Anschaffung von Spezialfahrzeugen die Effizienz der Versorgung einer größeren Zahl von Verletzten enorm zu steigern vermag. Die Patienten werden hierbei mit Hilfe von Patientenleittaschen je nach Behandlungsdringlichkeit in Triagegruppen eingeteilt, um einer möglichst großen Anzahl von Verletzten optimal zu helfen. Ebenso erfolgte die Ausbildung der Oberärzte zu „Leitenden Notärzten“, welche im Anlassfall die medizinische Betreuung und Versorgung der Patienten organisieren.
  • Nach einer 4jährigen Projektphase steht zur Betreuung von Angehörigen bzw. Betroffenen bei Ereignissen unterschiedlichster Art rund um die Uhr ein Team der „AkutBetreuungWien“ (ABW) zur Verfügung. Diese Einrichtung wird von der Magistratsdirektion „Krisenmanagement und Sofortmaßnahmen“ organisiert und im Einsatzfall über unsere Leitstelle koordiniert. Nach einer jährlichen Steigerung wurde die ABW im Jahr 2004 bereits 370mal zu Einsätzen gerufen [3].
  • Seit 1991 sind Sanitäter und Ärzte der Wiener Rettung auch in der Flugrettung tätig. Zunächst in Kooperation mit dem Bundesministerium für Inneres („Martin 3“), 10 Jahre später erfolgte dann aufgrund einer neuen EU-Verordnung und damit verbundenen finanziellen Überlegungen die Ablöse der Hubschrauber des Ministeriums durch den ÖAMTC-Flugrettungsverein. Seither ist „Christophorus 9“ mit einem Einsatzradius bis an die Grenzen der Tschechischen Republik, der Slowakischen Republik und Ungarns ein fixer Bestandteil der Wiener Rettung.
  • Errichtung neuer Leitstellentechnik in den Jahren 1984 und 1994 – die für 2003 geplante und längst fällige neue Leitstelle konnte aufgrund widriger Umstände (u. a. schwierige Planungen für ein bundesweites Behördenfunknetz, EU-verfassungsbedingt erschwerte Bedingungen bezüglich Ausschreibung) noch nicht in Auftrag gegeben werden.
  • 2001 konnte die Sanierung der alten Villa der Rettungszentrale und der Bau des neuen Nebengebäudes gefeiert werden. Angeschlossen an Mannschaftsräume für die Rettungsstation, die Leitstelle und den großen Verwaltungsbereich sind das neue Ausbildungszentrum sowie eine „Dekontaminationsstraße“ zur Reinigung eventuell kontaminierter Mannschaften bei Unfällen mit gefährlichen Stoffen.
  • Verbesserung und Erweiterung der Ausbildung der Sanitäter einschließlich Freigabe von Defibrillationen mit halbautomatischen Geräten durch Sanitäter schon Jahre vor dem Inkrafttreten des lang ersehnten neuen Sanitätergesetzes, welches einen neuen Meilenstein in der Geschichte des Rettungsdienstes in Österreich setzte: Ab diesem Zeitpunkt wurde das Schulungsprogramm intensiviert. Mit der Rekrutierung von zusätzlichen Lehrkräften wurde ein permanenter Schulbetrieb mit Hilfe eines „Schulzuges“ ins Leben gerufen, der seine Aufgabe neben der eigentlichen Unterrichtstätigkeit vor allem in der Entwicklung und Einarbeitung neuer Inhalte und effizienter Unterrichtsmethoden sieht. Neben der Vermittlung von theoretischen Inhalten ist das Training von Routineabläufen wie auch von besonderen Situationen zu einem wichtigen Bestandteil der Fortbildung geworden.
  • Ein weiteres großes Aufgabengebiet des Ausbildungszentrums der Wiener Rettung ist das Abhalten von Erste-Hilfe-Kursen und Ersthelferkursen nach dem Arbeitnehmerschutzgesetz für Bedienstete der Stadt Wien. Insbesondere die Installierung von Defibrillatoren im öffentlichen Raum (z. B. in den größeren Amtshäusern oder Bädern der Stadt Wien) macht ein Training an der Puppe insbesondere für die damit befassten Personen unumgänglich. Zunehmend zeigen auch Privatpersonen und Firmen Interesse an unseren Kursen, und wir sind stolz darauf, dass aufgrund der enormen Bedeutung des elektrischen Schocks im Rahmen einer Herz-Lungen-Wiederbelebung von uns kein Erste-Hilfe-Kurs mehr ohne Defibrillator-Training abgehalten wird. Besonders freuen wir uns über das Interesse von Krankenpflegeschulen und Organisationen wie Feuerwehr und Bundesheer, notfallrelevante Ausbildungsinhalte über unsere Schule zu vermitteln. Ein weiterer wichtiger Punkt ist unsere Beteiligung am Einsatztraining der Feuerwehr. Zu den Höhepunkten im Alltag der Magistratsabteilung 70 zählt der Internationale Notfallkongress der Wiener Rettung, der seit 1990 alle 2 Jahre abgehalten wird und über die Landesgrenzen hinaus großen Anklang findet. Darüber hinaus konnten in Zusammenarbeit mit klinischen Abteilungen mehr als 50 wissenschaftliche Arbeiten und Publikation verfasst werden.

Wiener Rettung heute

Die Wiener Rettung repräsentiert heute eine Magistratsabteilung mit 600 hauptamtlichen Mitarbeitern, 400 davon Sanitäter im Fahrdienst, wovon der Großteil im 24-Stunden-Wechseldienst arbeitet. 40 Protokollführer versehen ihren Dienst nach dem gleichen Schema als „Dispatcher“ in der Rettungsleitstelle, die den Notruf 144 für Wien betreut. Seit einigen Jahren besteht für einen Teil der Sanitäter auch die Möglichkeit, als Verstärkung im 13-Stunden-Tagdienst tätig zu sein. Die 70 Ärzte versehen ihren Dienst in 3 Touren, 2mal pro Woche 24 Stunden plus jeden dritten Sonntag. Die übrigen Mitarbeiter sind in der Verwaltung tätig.

Im 24-Stunden-Dienst arbeiten somit täglich 12 Leitstellendisponenten und 16 Ärzte sowie 93 Sanitäter im Fahrdienst; tagsüber wird das Team durch 24 Sanitäter im 13-Stunden- Dienst verstärkt. Seit 1999 ist die Beschäftigung von Sanitäterinnen möglich, derzeit sind drei Frauen im Dienst, bei den Ärzten beläuft sich der Frauenanteil auf etwa ein Drittel. Neben der Rettungsleitstelle und dem zentralen Stützpunkt in der Radetzkystraße verfügt die Stadt Wien über 12 weitere Stationen, von denen Rettungsfahrzeuge zu den Berufungsorten entsandt werden können. Darüber hinaus stellen das Rote Kreuz Wien, der Arbeitersamariterbund Österreich, die Johanniter Unfallhilfe und der Malteser Hospitaldienst dem Rettungsdienst insgesamt 6 Fahrzeuge zur Verfügung. In 24 Stunden befinden sich im Rettungsverbund somit acht Notarztwagen (NAW), 6 Notarzteinsatzfahrzeuge (NEF) und 28 Rettungswagen (RTW), wobei tagsüber noch 8 RTW aus dem 13-Stunden-Dienst sowie ein Notarzthubschrauber (NAH) zum Einsatz kommen. Zusätzlich sind Sonderfahrzeuge, wie Fahrzeuge für den Großschadensfall oder der Bettenintensivtransporter, im 24-Stunden-Betrieb dienstbereit.

Alle übrigen Fahrzeuge der befreundeten Organisationen dienen dem Krankentransport (Krankentransportwagen, KTW), sie können jedoch derzeit nicht direkt über den Notruf alarmiert werden. Nachdem beinahe alle KTW in Wien mittlerweile mit automatischen Defibrillatoren ausgestattet sind, wurde bis zur Installierung eines gemeinsamen Funksystems ein Konzept erdacht, nach dem zumindest bei Verdacht auf Kreislaufstillstand über die Leitstellen des Krankentransportes das nächstgelegene Fahrzeug alarmiert werden kann.

Am Notruftelefon gehen täglich 2000–3000 Gespräche ein, wovon etwa ein Drittel zur Entsendung eines Rettungsmittels führen. In Summe leistet die Wiener Rettung ein Einsatzvolumen von jährlich 160.000 Ausfahrten; gemeinsam mit den befreundeten Organisationen wurden im Jahr 2004 knapp 200.000 Einsätze abgewickelt.

Es bedarf großer Anstrengungen, um den ständig steigenden Anforderungen gewachsen zu sein: im Rückblick haben wir schon viel erreicht, und wir sind stolz auf unsere „Wiener Rettung“, die auch in Zukunft in professioneller Weise Erste Hilfe leisten wird.

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